September, Montagmorgen. Andreas, Inhaber eines 8-köpfigen Elektrobetriebs in Winterthur, hat soeben drei neue Aufträge bestätigt — und ein ungutes Gefühl. Hat er überhaupt die Kapazität? Er zählt auf: acht Mann, 42 Stunden pro Woche, macht 336 Stunden. Eigentlich genug. Doch dann erinnert er sich: Ferien, Militär des Lehrlings, zwei laufende Grossprojekte, und die Revisionsarbeiten, die noch ausstehen.
Ohne systematische Kapazitätsplanung ist "eigentlich genug" kein valider Geschäftsplan.
Key Takeaways
- Ein Vollzeit-Mitarbeitender leistet netto 1'620–1'750 produktive Stunden pro Jahr (nach Abzügen)
- Schweizer Handwerksbetriebe unterschätzen den Abzug durch Ferien, Krankheit und Administration um durchschnittlich 15–20%
- Digitale Kapazitätsplanung erhöht Planungsgenauigkeit um 40%
- Fachkräftemangel 2025 (6.6%) macht optimale Kapazitätsnutzung zur Überlebensfrage
- Saisonale Betriebe brauchen Kapazitätsplanung 4–6 Monate im Voraus
Was Kapazitätsplanung im Handwerk bedeutet
Kapazitätsplanung beantwortet die Frage: Wie viele Stunden kann mein Team in einer bestimmten Periode tatsächlich produktiv arbeiten? Nicht die theoretischen Vertragsarbeitszeit — sondern die realistische Netto-Kapazität nach allen Abzügen.
Die Differenz zwischen Soll- und Ist-Kapazität ist in den meisten Handwerksbetrieben erschreckend gross. Wer mit 100% rechnet, bekommt typischerweise 75–80%. Wer das nicht einplant, übernimmt zu viele Aufträge — und liefert zu spät oder schlecht.
Formel: Netto-Kapazität berechnen
Brutto-Jahreskapazität pro Mitarbeitenden:
Gemäss Schweizer Normalarbeitsvertrag: 42 Stunden/Woche × 52 Wochen = 2'184 Stunden
Abzüglich Feiertage (je nach Kanton 8–13 Tage): ca. −80 Stunden
Jahres-Sollstunden: ca. 2'112 Stunden
Abzüge:
- Ferien (4 Wochen minimum): −168 Stunden
- Krankheitsausfälle (Branchendurchschnitt 5–8 Tage): −50 Stunden
- Weiterbildung (1–3 Tage/Jahr): −25 Stunden
- Militär/Zivildienst (je nach Mitarbeitenden 0–21 Tage): −0 bis −170 Stunden
- Administration, Fahrtzeiten, Materialbesorgung: −150 bis −200 Stunden
Netto-Produktivstunden pro Person: ca. 1'620–1'750 Stunden/Jahr
Bei einem 8-köpfigen Betrieb: 8 × 1'680 = 13'440 Produktivstunden pro Jahr oder ca. 1'120 Stunden pro Monat.
Einflussfaktoren auf die Kapazität
Ferien: Der gesetzliche Mindestanspruch beträgt 4 Wochen (OR Art. 329a). Viele Betriebe gewähren 5 Wochen — und branchenspezifische GAV können mehr vorschreiben.
Krankheitsausfälle: Im Schweizer Handwerk liegt die durchschnittliche Absenzquote bei 2.5–3.5% der Jahresarbeitszeit. Bei 2'112 Stunden sind das 53–74 Stunden pro Person. Für den Betrieb unplanbar — aber statistisch einzurechnen.
Weiterbildung: EFZ-Träger, Fachausweis-Kandidaten und regelmässige Sicherheitsschulungen (Suva-Vorschriften) binden 1–3 Arbeitstage pro Jahr.
Militärdienst: Besonders bei jungen Mitarbeitenden ein relevanter Faktor. Erstausbildung: 18–21 Wochen. Wiederholungskurse: 3 Wochen/Jahr. Bei einem 5-köpfigen Betrieb mit zwei Mitarbeitenden unter 30 kann das 6–8 Wochen Kapazität pro Jahr binden.
Pikettdienst und Notfalleinsätze: Pikett-Stunden sind teilweise Arbeitszeit (wenn Reaktion erforderlich ist), aber keine produktiven Projektsstunden. Muss separat erfasst werden.
Grobplanung vs. Feinplanung — Kapazität auf zwei Ebenen
| Ebene | Horizont | Genauigkeit | Zweck |
|---|---|---|---|
| Grobplanung | 4–12 Wochen | ±10% | Engpässe früh erkennen |
| Feinplanung | 1–5 Tage | ±1 Stunde | Konkrete Zuteilung |
| Kapazitätsübersicht | Ganzes Jahr | Wöchentlich | Auftragsakquise steuern |
In der Grobplanung entscheiden Sie: Können wir den Auftrag für das Grossprojekt in Zürich annehmen, wenn wir gleichzeitig den Wartungsvertrag in Basel bedienen müssen? In der Feinplanung weisen Sie konkrete Mitarbeitende zu konkreten Aufgaben.
Typische Kapazitätsfehler im Handwerk
Fehler 1: Mit 100% Verfügbarkeit rechnen. Niemand ist 52 Wochen à 42 Stunden verfügbar. Die reale Verfügbarkeit liegt bei 75–80%.
Fehler 2: Krankheit ignorieren. "Die werden schon nicht alle krank" — stimmt meistens, bis es nicht mehr stimmt. Statistische Puffer sind keine Schwarzmalerei, sondern professionelle Planung.
Fehler 3: Fahrtzeiten vergessen. Bei Betrieben mit mehreren Baustellen können Fahrtzeiten 10–15% der Arbeitszeit ausmachen — weg von der Produktivität.
Fehler 4: Einarbeitungszeit bei Lernenden unterschätzen. Ein Lernender im ersten Jahr arbeitet produktiv auf ca. 40–50% eines ausgelernten Monteurs. Im zweiten Jahr ca. 70%.
Fehler 5: Alle Mitarbeitenden gleich rechnen. Ein 60%-Teilzeit-Monteur und ein Vollzeit-Fachmann haben völlig verschiedene Kapazitäten. Digitale Systeme erfassen das individuell.
Kapazitätsplanung für Saisonbetriebe
Im Gartenbau sind 60–70% des Jahresumsatzes auf März–Oktober konzentriert. Für Winter-Monate ist die Kapazität zu gross, für den Frühling zu klein. Saisonale Planung bedeutet: Fixteam für Basisauslastung, Saisonkräfte für Peaks.
Im Solarinstallations-Bereich hat sich das Muster verschoben: früher Sommer-Peak, heute ganzjährig durch Energiewende-Nachfrage. Aber Schlechtwetter-Tage bleiben Planungsvariablen.
Digitale Kapazitätsplanung zeigt den Auslastungsgraphen für die nächsten 12 Monate — wann ist das Team überlastet, wann unterbeschäftigt. Auf dieser Basis entscheiden Sie: Wann nehme ich neue Aufträge an? Wann sage ich ab? Wann brauche ich Zusatzkräfte?
Praxisbeispiel: 8-köpfiger Elektrobetrieb, Monatskapazität
| Monat | Soll-Stunden | Abzüge | Netto verfügbar | Geplant | Auslastung |
|---|---|---|---|---|---|
| Januar | 672 | −80 (Feiertage) | 592 | 560 | 95% |
| Februar | 672 | −42 (Ferien 1 MA) | 630 | 610 | 97% |
| März | 672 | −21 (Militär) | 651 | 700 | 108% ⚠ |
| April | 672 | −0 | 672 | 640 | 95% |
| Mai | 672 | −84 (Ferien 2 MA) | 588 | 550 | 94% |
| Juni | 672 | −21 (Weiterbildung) | 651 | 680 | 104% ⚠ |
Die Warnung bei 108% im März hätte ohne digitale Planung gefehlt — der Auftrag wäre trotzdem bestätigt worden, der Stress wäre im März sichtbar geworden.
Digitale Kapazitätsplanung: Echtzeit-Auslastung
Digitale Planungssysteme berechnen die Kapazität automatisch und zeigen:
- Auslastungs-Heatmap: Welche Wochen sind über- oder unterausgelastet?
- Engpass-Alarm: 4–6 Wochen im Voraus sehen, wo Kapazität fehlt
- Soll-Ist-Vergleich: Geplant vs. tatsächlich gearbeitet, pro Projekt und Mitarbeitenden
- Urlaubskonten: Wie viele Ferientage hat jeder noch? Wann müssen sie bezogen werden?
Das gibt dem Betriebsleiter die Grundlage für eine faktenbasierte Entscheidung bei jedem neuen Auftrag.
Mehr dazu: Einsatzplanung Guide für Schweizer Handwerk und Digitalisierung Handwerk Schritt-für-Schritt.
Mit Baunex Einsatzplanung sehen Sie Ihre Kapazitätsauslastung in Echtzeit — inklusive Urlaubs-Konten, Überstunden-Saldo und Engpass-Warnungen.
Fazit
Kapazitätsplanung ist der Unterschied zwischen einem Betrieb, der Aufträge annimmt und liefert, und einem Betrieb, der annimmt und sich dann entschuldigt. Wer seine reale Netto-Kapazität kennt, entscheidet besser: wann er Aufträge annimmt, wann er ablehnt, und wann er zusätzliche Kapazität organisiert. Starten Sie mit Baunex Einsatzplanung.



