Das Problem: Die Offerte entsteht unter Zeitdruck

Ein Kunde will ein neues Bad, die Verwaltung schickt ein Leistungsverzeichnis für einen Strangersatz, und nebenbei laufen Service und Pikett. In vielen Sanitärbetrieben schreibt der Chef die Offerten am Abend. Dabei entstehen drei typische Fehler:

  • Positionen fehlen, weil man unter Zeitdruck aus dem Gedächtnis offeriert (Entsorgung, Provisorien, Kernbohrungen, Nebenarbeiten anderer Gewerke).
  • Mengen stimmen nicht, weil die Notizen von der Begehung unvollständig sind.
  • Risiken sind nicht eingepreist, etwa ein Altbau mit unbekannten Leitungen oder asbesthaltigem Plattenkleber.

KI-Schätzsoftware setzt genau hier an: Sie liefert einen vollständigen Entwurf, den die Fachperson prüft. Sie ersetzt aber weder die Begehung noch die Kalkulation. Dieser Beitrag zeigt, was solche Werkzeuge heute können, wo sie danebenliegen und wie ein durchgerechnetes Beispiel aussieht. Den breiteren Überblick über alle Einsatzfelder finden Sie im Praxisguide KI für Sanitärbetriebe.

Key Takeaways

  • KI-Schätzsoftware erstellt Entwürfe: Positionen, Mengen und Textbausteine aus Begehungsdaten, früheren Aufträgen oder einem Leistungsverzeichnis. Die Verantwortung für Preis und Inhalt bleibt beim Betrieb.
  • Leistungsverzeichnisse nach NPK lassen sich mit KI vorsortieren und in die Branchensoftware übernehmen. Die digitale Nutzung des NPK setzt laut CRB ein zertifiziertes Programm und eine Datenlizenz voraus.
  • Schätzung, Kalkulation und Offerte sind drei verschiedene Dinge. Eine Schätzung liefert eine Spanne, die Kalkulation Ihre Kosten, die Offerte ein bindendes Angebot (Art. 3 OR).
  • Rechenbeispiel: Ein 8-m²-Bad im mittleren Standard kommt mit Richtwerten von houzy (Preisstand 2023) und 10–15 % Reserve auf rund CHF 33'000–34'500 exkl. MWST.
  • Bei Bauten mit Baujahr vor 1990 verlangt die Suva eine Asbestabklärung vor Beginn der Arbeiten. Das gehört in jede Prüfung eines KI-Entwurfs.

Was KI-Schätzsoftware konkret macht

Unter „KI-Schätzsoftware" laufen heute recht unterschiedliche Funktionen. Für Sanitärbetriebe sind vier davon relevant:

  • Entwurf aus früheren Aufträgen: Die Software sucht abgeschlossene Aufträge mit ähnlichem Umfang (z. B. Badsanierung, Boilerersatz, Strangsanierung) und schlägt deren Positionen und Mengen als Startpunkt vor.
  • Entwurf aus Text und Fotos: Aus Begehungsnotizen oder einer diktierten Beschreibung („Bad 8 m², Wanne raus, bodenebene Dusche, WC wandhängend, Lavabo mit Unterbau") entsteht eine strukturierte Positionsliste.
  • Leistungsverzeichnis lesen: Ein LV aus einer Ausschreibung wird ausgelesen, Positionen werden erkannt und in die eigene Software übernommen (mehr dazu im nächsten Abschnitt).
  • Plausibilitätsprüfung: Die Software meldet Auffälligkeiten, etwa eine Position ohne Menge, eine fehlende Entsorgung oder einen Preis, der stark von früheren Offerten abweicht.

Wie gut das funktioniert, hängt vor allem an Ihren Daten. Wer Zeiten pro Arbeitsschritt, verbautes Material und Nachträge sauber erfasst, bekommt brauchbare Vorschläge. Wer nur Tagesstunden ohne Auftragsbezug hat, bekommt bestenfalls Durchschnittswerte. Eine saubere Nachkalkulation mit Soll-Ist-Vergleich ist deshalb die wichtigste Vorarbeit.

Ablauf von der Begehung über den KI-Entwurf und die Prüfung bis zur Offerte
Ablauf: Die KI liefert den Entwurf, die Prüfung und die Freigabe bleiben bei der Fachperson. Schema: Baunex, eigene Darstellung.

KI liest Leistungsverzeichnisse (LV/NPK)

Bei grösseren Aufträgen kommt die Anfrage oft als Leistungsverzeichnis nach dem Normpositionen-Katalog NPK. Der NPK wird von CRB herausgegeben. Laut CRB umfasst er rund 200 Kapitel und über eine Million Normpositionen und ist in über 40 Softwarelösungen anwendbar. Wichtig: Die digitale Nutzung setzt laut CRB ein CRB-zertifiziertes Programm und eine Datenlizenz voraus (CRB: NPK-Katalog).

Was KI dabei leisten kann:

  • Unstrukturierte LV lesen: Nicht jede Anfrage kommt als saubere Datei. Oft ist es ein PDF, ein Scan oder eine Excel-Liste des Architekten. KI-Texterkennung kann solche Dokumente auslesen und in Positionen gliedern.
  • Positionen zuordnen: Die Software schlägt vor, welche eigenen Artikel, Leistungen und Richtzeiten zu einer LV-Position passen.
  • Vergleichen: Abacus beschreibt zum Beispiel, dass seine KI-Funktion „Abacus Intelligence" ein detailreiches Leistungsverzeichnis analysieren, korrekt in die Business-Software übergeben und Offerten bis ins Detail vergleichen kann (Abacus, Swissbau 2026, 29.1.2026).

Was Sie nicht der KI überlassen sollten:

  • Vorbemerkungen und Ausmassregeln. Sie stehen oft ausserhalb der Positionen und ändern den Preis erheblich (Provisorien, Arbeiten ausserhalb der Normalarbeitszeit, Koordination mit anderen Gewerken).
  • Leere oder unklare Positionen. Eine KI füllt Lücken gern plausibel aus. Plausibel ist nicht richtig.
  • Lizenzfragen. Wenn Sie NPK-Daten digital weiterverarbeiten, muss Ihr Programm dafür zertifiziert und die Lizenz vorhanden sein. Ein Chat-Tool, in das man ein LV kopiert, erfüllt das nicht.

Bei Datei-Ausschreibungen sind SIA-451- und CRBX-Dateien üblich. Klären Sie mit Ihrem Softwareanbieter, welche Formate eingelesen werden können, bevor Sie eine Ausschreibung annehmen.

Schätzung vs. Kalkulation vs. Offerte

Im Alltag verschwimmen die Begriffe. Für den Einsatz von KI lohnt sich die saubere Trennung, weil die KI bei jedem Schritt eine andere Rolle spielt:

SchätzungKalkulationOfferte
FrageIn welcher Grössenordnung liegt das Projekt?Was kostet uns die Ausführung?Zu welchem Preis und welchen Bedingungen bieten wir an?
Grundlagem²-Richtwerte, VergleichsprojekteStunden × eigener Kostensatz, Material, Gemeinkosten, GewinnKalkulation, Konditionen, Ausschlüsse, Gültigkeit
ErgebnisSpanneSelbstkosten und Verkaufspreis pro PositionVerbindliches Angebot an den Kunden
Rechtliche WirkungAls „unverbindlich" bezeichnet: kein bindender Antrag (Art. 7 OR)internAntrag, an den Sie bis Fristablauf gebunden sind (Art. 3 OR)
Rolle der KIVergleichsprojekte finden, Spanne vorschlagenMengen und Richtzeiten vorschlagen, Abweichungen meldenTexte, Positionsbeschriebe und Vollständigkeit prüfen
Wer entscheidetProjektleitungKalkulationGeschäftsleitung


Zwei Punkte aus dem Obligationenrecht sind für Schätzungen wichtig: Ist der Preis im Werkvertrag nicht oder nur ungefähr bestimmt, wird er nach dem Wert der Arbeit und den Aufwendungen festgesetzt (Art. 374 OR). Und bei einer unverhältnismässigen Überschreitung eines ungefähren Kostenansatzes kann der Besteller zurücktreten (Art. 375 OR). Eine KI-Schätzung, die zu optimistisch ist, wird damit schnell zum Problem (OR auf Fedlex).

Für die Kalkulation selbst braucht es Ihre eigenen Kostensätze. Wie man einen Stundensatz im Sanitärgewerbe herleitet, zeigt der Beitrag zum Sanitär-Stundensatz 2026. Für Mitarbeitende, die dem GAV Gebäudetechnik unterstehen, bilden die Mindestlöhne 2026 die Untergrenze der Lohnkosten, zum Beispiel CHF 4'600 pro Monat für Installateur:innen EFZ ab Lehrabschluss (suissetec, Mindestlöhne 2026).

Rechenbeispiel: Badsanierung 8 m², mittlerer Standard

Das folgende Beispiel zeigt, wie eine Schätzung (nicht die Kalkulation) aufgebaut ist, die eine Software oder eine Fachperson als Startpunkt verwendet. Alle Werte sind Endkunden-Richtwerte aus Portalen und Herstellerseiten, keine Verbandstarife und keine Baunex-Werte.

Annahmen: Bad mit 8 m² Grundfläche, Komplettsanierung, mittlerer Standard, bodenebene Dusche, Dusch-WC, Fussbodenheizung. Preise exkl. MWST.

PositionRechenwegBetrag (CHF)Quelle
Komplettsanierung, mittlerer Standard8 m² × CHF 3'000/m²24'000houzy, Preisstand 2023
Dusch-WCPauschale4'000houzy, Preisstand 2023
Fussbodenheizung8 m² × CHF 250/m²2'000houzy, Preisstand 2023
Zwischensumme30'000
Reserve für Unvorhergesehenes10–15 % der Zwischensumme3'000–4'500Geberit, neho
Total exkl. MWST33'000–34'500
MWST 8,1 %2'673–2'794.50ESTV
Total inkl. MWST35'673–37'294.50


Quellen: houzy, Badsanierung Kosten (Artikel 2.10.2025, Richtpreise Stand 2023), Geberit, Bad renovieren, neho, Bad renovieren Kosten, ESTV, MWST-Sätze. Alle abgerufen am 26.09.2026.

Plausibilitätscheck: daibau nennt für ein Standardbad von 8–10 m² meist CHF 30'000–40'000 (daibau). Das Beispiel liegt in diesem Rahmen. Laut neho liegen die Stundensätze in Zürich, Genf, Basel und Zug oft 15–25 % über jenen ländlicher Kantone. Eine Schätzung ohne Regionsbezug ist deshalb nur ein erster Anhaltspunkt.

Was die Fachperson an diesem Entwurf prüft:

  • Baujahr: Bei Gebäuden, die vor 1990 erstellt wurden, muss laut Suva mit Asbest gerechnet werden, zum Beispiel in Spachtelmassen, Putz oder Plattenklebern. Vor Arbeitsbeginn braucht es eine Schadstoffermittlung und Gefährdungsbeurteilung (Suva, Asbest für Handwerksbetriebe). Eine Laboranalyse gehört dann als eigene Position oder als Vorbehalt in die Offerte.
  • Leitungszustand und Steigzonen: Müssen Strangleitungen mitersetzt werden, ist das kein Bad-, sondern ein Strangprojekt.
  • Andere Gewerke: Plattenleger, Elektriker, Maler. Offerieren Sie als Generalunternehmer oder nur Ihren Teil?
  • Ausschlüsse: Was nicht in der Offerte steht, sollte ausdrücklich ausgeschlossen werden.

Wie aus der Schätzung eine Offerte mit Gewerk-Positionen wird, zeigt der Leitfaden zu den Kosten einer Badrenovation.

Genauigkeit und Grenzen: Der Mensch prüft

Für die Genauigkeit von KI-Schätzungen im Schweizer Sanitärgewerbe gibt es keine uns bekannte unabhängige Studie. Anbieterangaben zu Trefferquoten sollten Sie deshalb mit Vorsicht lesen und selbst messen. Aus der Funktionsweise ergeben sich aber klare Grenzen:

  • Die KI kennt nur, was erfasst ist. Ein verdeckter Leitungsschaden, eine fehlende Revisionsöffnung oder ein Kunde, der während der Arbeit umplant, stehen in keinem Datensatz.
  • Durchschnitt statt Einzelfall. Vorschläge aus früheren Aufträgen sind Mittelwerte. Ein Bad im vierten Stock ohne Lift ist kein Durchschnittsbad.
  • Veraltete Preise. Wenn die Software mit Materialpreisen aus alten Offerten rechnet, übernimmt sie auch alte Einkaufspreise.
  • Erfundene Positionen. Sprachmodelle können plausibel klingende, aber falsche Positionsbeschriebe oder Normbezüge erzeugen. Jede Norm- oder NPK-Referenz muss gegen das Original geprüft werden.
  • Haftung. Rechtlich zählt, was in der Offerte steht. Ein Fehler in einem ungeprüft übernommenen Entwurf ist Ihr Fehler.

So messen Sie die Genauigkeit im eigenen Betrieb: Vergleichen Sie nach Abschluss jedes Auftrags die offerierten mit den tatsächlichen Stunden und Materialkosten. Nach einigen Dutzend Aufträgen sehen Sie, bei welchen Auftragstypen die Vorschläge taugen und wo nicht.

Welche Daten die KI braucht

Damit KI-Schätzungen brauchbar werden, braucht es vor allem saubere Daten aus Ihrem Betrieb:

  • Zeiterfassung pro Auftrag und Arbeitsschritt, nicht nur pro Tag.
  • Material: Was wurde offeriert, was bestellt, was tatsächlich verbaut?
  • Nachträge: Was kam hinzu und warum? Diese Information hilft, Risiken in künftigen Offerten einzupreisen.
  • Fotos und Begehungsnotizen, verknüpft mit dem Auftrag.
  • Ergebnis der Offerte: gewonnen, verloren, zu teuer? Ohne diese Rückmeldung lernt keine Software, welche Preise am Markt funktionieren.

So führen Sie KI-Schätzungen ein

  • Mit einem Auftragstyp starten. Zum Beispiel Boilerersatz oder Badsanierung. Dort gibt es genug Vergleichsaufträge.
  • Vorlagen bereinigen. Positionstexte, Einheiten und Artikelnummern vereinheitlichen, bevor die KI daraus lernt.
  • Freigabe festlegen. Wer darf einen KI-Entwurf freigeben? Ab welchem Betrag braucht es eine zweite Person?
  • Nachkalkulieren. Jede gewonnene Offerte nach Abschluss vergleichen und Abweichungen notieren.
  • Ausbauen. Erst wenn der erste Auftragstyp funktioniert, weitere Typen und LV-Import angehen.

Die weiteren Schritte vom Anruf bis zur Rechnung beschreibt die Workflow-Anleitung Sanitärbetrieb automatisieren in 5 Schritten.

Und Baunex?

Baunex beschreibt auf seiner Website KI-gestützte Prognosen auf Basis Ihrer historischen Projektdaten und Offerten, die auf früheren Offerten aufbauen. Wie weit das bei Ihren Auftragstypen trägt, testen Sie am besten mit einem eigenen Auftrag. Ohne Vorlage können Sie Material, Arbeit und Marge auch mit dem kostenlosen Offerten-Rechner durchrechnen.

Fazit

KI-Schätzsoftware ist für Sanitärbetriebe dann nützlich, wenn man sie als schnellen Entwurf versteht. Sie liest Leistungsverzeichnisse, schlägt Positionen vor und findet Lücken. Die Schätzung liefert eine Spanne, die Kalkulation Ihre Kosten, und die Offerte bleibt eine Entscheidung der Fachperson. Wer Zeiten und Material sauber erfasst und jede Offerte nachkalkuliert, bekommt mit der Zeit bessere Vorschläge. Wer das nicht tut, bekommt schneller falsche Offerten.